15.9.2022 - Anne-Katrin Wehrmann

Das fliegende Klassenzimmer

Luft- und Raumfahrt

„Flight Kids“ lernen Luftfahrt in Theorie und Praxis

Ein Mann und drei Kinder sitzen in einem Cockpit
Mit dem Programm "flight Kids" bekommen Jugendliche aus Bremen Einblicke in die Theorie und Praxis der Luftfahrt © Flugsimulator.com

Sie pauken freiwillig außerhalb der Schule – und dürfen zur Belohnung zweimal im Monat in den Flugsimulator: Das Programm „Flight Kids“, das das Bremer Unternehmen Flugsimulator.com für Jugendliche ab zwölf Jahren ins Leben gerufen hat, hat sich zu einem vollen Erfolg entwickelt. Ziel ist es, jungen Menschen berufliche Orientierung zu bieten und schulisches Wissen in einem spannenden Umfeld praktisch zu vertiefen.

Der Airbus A320 soll von Bremen nach Frankfurt fliegen. Vorab gilt es, den Treibstoffbedarf zu berechnen: Dabei sind Parameter wie Windverhältnisse und Verkehrsaufkommen unbedingt zu berücksichtigen. Aufgaben wie diese bekommen die „Flight Kids“ zweimal im Monat bei ihrem jeweils vierstündigen Unterricht auf dem Gelände des Bremer Flughafens zum Lösen vorgelegt. Anschließend dürfen sie die Strecke im Flugsimulator abfliegen und überprüfen, ob ihre Berechnungen richtig waren. „Eine Sinnhaftigkeit in dem zu sehen, was sie lernen, und das mit dem spielerischen Tool des Simulators zu verknüpfen – das fasziniert die Jugendlichen“, berichtet Walter Drasl, Initiator des Programms.

Der 73-Jährige war früher selbst Pilot und Fluglehrer und hat noch zu viele Ideen, um sich zur Ruhe zu setzen. So gründete er unter anderem vor einigen Jahren das Portal Flugsimulator.com, das Termine für private Simulator-Flüge vermittelt und an den Standorten Bremen, Hamburg und Berlin auch eigene Flugsimulatoren betreibt. „Die Idee des fliegenden Klassenzimmers war latent schon immer da“, erläutert Drasl. Als er 2019 die Einladung erhielt, an einer Berufsorientierungsmesse teilzunehmen, stellte er den anwesenden Jugendlichen seine Idee vor – und erhielt sofort die ersten Anmeldungen zu einem dreitägigen Probelauf, den er damals während der Sommerferien in Bremen veranstaltete. Die Resonanz auf diese „Summer School“, die seither regelmäßig in den Ferien stattfindet, war so positiv, dass er sich einen pädagogischen Leiter ins Boot holte und mit ihm zusammen das Curriculum für eine dreijährige Langversion entwickelte.

Umfassender Lehrplan

Und dieser Lehrplan hat es in sich. Da ist das Fach Physik, in dem es um Auftrieb und Aerodynamik ebenso geht wie um technische Systeme oder aktuelle Entwicklungen beim Bau von Elektroflugzeugen. In angewandter Mathematik lernen die Jugendlichen zum Beispiel, wie sie den Luv-Winkel bei Seitenwind bestimmen oder die Kosten und den Treibstoffverbrauch eines Flugs berechnen. Und auch die anderen Unterrichtseinheiten wie Politik, Wirtschaft, Geographie, Geschichte, Chemie, Deutsch, Englisch, Psychologie und Biologie greifen Aspekte auf, die in der Luftfahrt relevant sind. Darüber hinaus erfahren die „Flight Kids“, welche Berufe es in der Luftfahrt gibt, welche Unternehmen in der Airport-Stadt ansässig sind und wie ihre eigenen Erwartungen an die Berufswahl zu ihren Stärken und Talenten passen.

Am Ende kann die „Flight School“ so auch einen Beitrag leisten, dem Fachkräftemangel in der Branche zu begegnen. Der jetzt abgeschlossene erste Jahrgang macht da durchaus Hoffnung: So beginnt einer der Teilnehmer eine Ausbildung zum Fluglotsen, ein anderer hat eine Lehrstelle in der Flugzeugindustrie bekommen und ein dritter startet ein technisches Studium. Neben der beruflichen Orientierung ist es Walter Drasl besonders wichtig, dass die Jugendlichen auch einen Sinn für das Miteinander vermittelt bekommen: „Sie sind immer im Team, das ist unabdingbar“, macht er deutlich. „Gewisse Aufgabenstellungen lassen sich nicht allein lösen, dafür braucht es soziale Kompetenz und Rücksichtnahme.“

Ein Mann und einige Jugendliche sitzen um einen Tisch und lernen
Unterstützt von einem Lehrkräfteteam pauken die „Flight Kids“ Physik, Mathe und andere Fächer, die für die Luftfahrt wichtig sind © Flugsimulator.com

Wissbegierde und Begeisterung

Der Unterricht findet zweimal im Monat in den Räumlichkeiten des Bremer Flughafens statt, wo sich auch der Flugsimulator befindet. Während die Klasse in der ersten Stunde eine theoretische Aufgabe zu lösen hat, darf in den kommenden drei Stunden jeweils eine Gruppe in den Simulator, um die Theorie in die Praxis umzusetzen. Weil es dort nur drei Plätze gibt, ist die Klassengröße auf neun Jugendliche begrenzt. Die zwei ersten Klassen, die vor drei Jahren gestartet sind, haben das Programm gerade abgeschlossen. 2019 und 2020 sind jeweils zwei weitere Klassen an den Start gegangen, und auch in diesem Jahr wird es mit einem neuen Jahrgang weitergehen. „Die Nachfrage ist so groß und es läuft so gut, dass wir das Programm inzwischen auch an unseren Standorten in Hamburg und Berlin aufgelegt haben“, berichtet Drasl.

Was ihn besonders freut, sind die Wissbegierde und die Begeisterung der Jugendlichen. Und die dankbaren Rückmeldungen der Eltern, die sich über die Lernbereitschaft ihrer Kinder freuen – und zum Teil erstaunt sind, wie groß deren Motivation ist. „Der Unterricht für die erste Klasse war immer am Sonntagvormittag“, erzählt Walter Drasl. „Bis dahin mussten manche Eltern ihre Kinder mittags mühsam wecken. Jetzt standen sie plötzlich freiwillig pünktlich um 9.30 Uhr am Flughafen.“ Aktive Werbung habe er für sein fliegendes Klassenzimmer nie machen müssen: „Das hat sich von Anfang an so herumgesprochen, die Jugendlichen kommen von selbst auf uns zu.“

Unternehmen finanzieren Stipendien

Ebenso sieht es beim Lehrkräfteteam aus, das sich hauptsächlich aus Pilotinnen und Piloten, Fluglehrkräften und Pädagoginnen und Pädagogen, die in ihrer Freizeit fliegen, zusammensetzt. Ganz am Anfang habe er ein paar Bekannte angesprochen, sagt der 73-Jährige. „Dann lief es von selbst. Unsere Teammitglieder kommen von sich aus zu uns, weil sie einfach Lust darauf haben.“ Unter dem Strich habe es bei der Entwicklung und Umsetzung des Programms keine großen Herausforderungen gegeben. Außer Corona: „Als wir im März 2020 plötzlich nicht mehr in den Räumen des Flughafens unterrichten durften, haben wir innerhalb von fünf Tagen alles auf Distanzunterricht umgestellt – aber auch das hat geklappt.“ Die ursprünglich geplanten Besuche bei kooperierenden Unternehmen aus der Luftfahrtbranche hätten in dieser Zeit allerdings ausbleiben müssen. Das solle in den laufenden Jahrgängen nun nachgeholt werden.   

Ganz günstig ist es übrigens nicht, ein „Flight Kid“ zu werden: 150 Euro pro Monat kostet die Teilnahme an dem Programm. Am Geld soll es aber nicht scheitern, das war für Walter Drasl von Anfang an klar. Und so überzeugte er Unternehmen, die Kosten für einen Teil der Jugendlichen zu übernehmen. Insgesamt ein Viertel der Teilnehmenden profitiert inzwischen von solchen Stipendien. 

Ein Mann sitzt in einem Cockpit
Walter Drasl ist der Initiator des Programms "Flight Kids" © ProToura

Unterstützung der BAB

Finanzielle Unterstützung erhält die „Flight School“ außerdem durch das Land Bremen im Rahmen des Förderprogramms „LuRaFo – Luft- und Raumfahrt-Forschungsprogramm“, das durch die BAB – Die Förderbank für Bremen und Bremerhaven umgesetzt wird. Das Förderprogramm richtet sich an Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die nachhaltige Produkte, Verfahren und Dienstleistungen für die Luft- und Raumfahrt entwickeln. „Auch wenn unsere Flight School da nicht hundertprozentig hineinpasst: Die Verantwortlichen bei der BAB haben das Potenzial sofort erkannt und uns von Anfang an ausgezeichnet unterstützt“, berichtet Walter Drasl, der die Zusammenarbeit als sehr kooperativ und verständnisvoll bezeichnet. „Die Förderung hat uns geholfen, unsere Idee wirtschaftlich realisieren zu können.“

Und so werden auch in Zukunft interessierte Jugendliche die Möglichkeit bekommen, ein „Flight Kid“ zu werden und die Faszination Fliegen hautnah zu erleben. In Bremen, Hamburg, Berlin – und wenn Walter Drasl irgendwann auch in anderen Städten noch mit eigenen Flugsimulatoren an den Start gehen sollte, dann auch dort. Anpassungen des Lehrplans sind nach den ersten Durchläufen nicht vorgesehen: „Wir haben erlebt, dass das Konzept einfach gut ist. Deshalb müssen wir nichts verändern.“

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