12.5.2021 - Jann Raveling

Wie dieses Unternehmen Museen ins digitale Zeitalter bringt

Wirtschaftsförderung

Die Informationsgesellschaft schafft multimediale Erlebniswelten

Ein Blick in die Ausstellung
Digital abgebildet: Das Museum Oberschönenfeld © InformationsGesellschaft

Museen pflegten lange Zeit eine sehr wechselhafte Beziehung zum Digitalen. Während manche Häuser früh auf neueste Trends und digitale Interaktion setzten, schienen andere in der Zeit stehen geblieben zu sein. Die Corona-Krise ändert das – heute führt kaum ein Weg an Internet und Smartphone vorbei. Und für viele Museen wird damit Bremen erste Anlaufstelle.

Vor kurzem machte eine Schlagzeile die Runde: Der Louvre öffnet seine Archive und stellt in einer Datenbank rund 480.000 Werke online zur Verfügung. Zudem bietet er in einer Zeit, in der Museen coronabedingt schließen müssen, weitläufige virtuelle Touren durch seine palastartigen Räume. Das weltberühmte Kunsthaus ist damit nicht allein. Ob große Kunstgalerie oder kleines Heimatmuseum – 2020 brachten viele Kulturinstitutionen ihre Ausstellungen ins Netz.

Diesen Druck der Pandemie brauchte es wohl. Denn die Digitalisierung wurde von vielen Häusern bisher eher stiefmütterlich behandelt. „Museen haben sich früher gescheut, ihre Schätze online abzubilden aus Angst, Besucherinnen und Besucher zu verlieren. Untersuchungen zeigen aber genau das Gegenteil: Menschen, die sich online Museen anschauen, wollen danach die Exponate auch in Echt sehen“, schildert Jörg Engster, Geschäftsführer der Informationsgesellschaft mbH.

Computer-Urgestein mit Blick für gutes Design

Engster ist ein alter Hase im Geschäft. Als er begann, digitale Lösungen für Museen zu entwickeln, wählten sich Modems knarzend ins „World Wide Web“ ein, der beliebteste Browser hieß „Netscape Navigator“ und Computer hatten noch eine Turbo-Taste.

„Das war schon digitale Steinzeit damals. 1996 setzte ich als Diplomarbeit eine interaktive CD-Rom für das Bremer Überseemuseum um“, erinnert sich Engster. Da hatte er sich schon mehrere Jahre mit digitalen Medien beschäftigt, damals noch ein völlig neuer Bereich an der Bremer Hochschule für Künste. Denn das Digitale war lange Zeit Reich der Computernerds – Programmiererinnen und Programmierern mit Vorliebe für Code und wenig Interesse für gutes Design.

Da kam es gelegen, dass jemand gute Gestaltung mit neuesten digitalen Technologien zusammenbringen wollte. Engster stieß mit seiner Arbeit schnell auf Resonanz, Industrieunternehmen wollten eigene Websites oder digitale Medien. Der Designer witterte eine Geschäftschance und gründete mit Studienkollegen die InformationsGesellschaft mbH.

„Besucherinnen und Besucher haben heute ganz klar die Erwartungshaltung, dass es im Museum digitale Inhalte gibt“

Geschäftsführer der Informationsgesellschaft
Geschäftsführer Jörg Engster © InformationsGesellschaft

In allen Wassern des digitalen Ozeans zuhause

Auch 20 Jahre später gehören Aufträge aus der Industrie zu einem wichtigen Standbein der Agentur. Das 14-köpfige Team entwickelt Apps und Software, erstellt Web-, Corporate- und Printdesign, Serious Games (Spiele mit Lerncharakter) oder crossmediale Inhalte von Video über Foto und Text bis ins Digitale.

Das Geschäft mit Museen und Galerien ist Engster aber seit jeher eine Herzensangelegenheit. Nach einer halben Internet-Ewigkeit sind die Kundinnen und Kunden dieselben geblieben, aber die Technik wandelte sich rasant – mit CD-Roms kann man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. „Augmented Reality ist aktuell ein Riesending. Also digitale und reale Inhalte übereinanderzulegen und mit dem eigenen Handy erlebbar zu machen. Oder auch Gamification – spielerisch und interaktiv die Welt zu erschließen. Besucherinnen und Besucher haben heute ganz klar die Erwartungshaltung, dass es im Museum auch digitale Inhalte gibt“, führt Engster aus.

Für Ideen ausgezeichnet

Ein Paradebeispiel für digitale Museumsarbeit liefert die Kunsthalle Bremen. Mit ihr zusammen gewannen Engster und sein Team bereits 2012 den Deutschen Computerspielpreis in der Kategorie „Serious Games“. Damals entwickelten Agentur und Kunsthalle ein Spiel, mit dem Ge­mäl­de vom hei­mi­schen Com­pu­ter aus auf span­nen­de und spie­le­ri­sche Wei­se erkundet werden konnten.

Auch danach blieb die bremische Kunsthalle dem Digitalen treu: In der „Tour de Kunst­hal­le“ entwickelten Kinder einen digitalen Museumsführer, der zu Ausstellungsstücken auf Tablet-ähnlichen Geräten Inhalte bereitstellt. „Kinder empfinden Inhalte von Gleichaltrigen oft spannender als das, was wir Erwachsenen so machen“, sagt er schmunzelnd.

Lieblingsprojekt lässt Museumsgäste mit historischen Figuren sprechen

Eines ihrer aktuellen Lieblingsprojekte hat die InformationsGesellschaft 2019 im historischen Museum Speyer umgesetzt. Auf le­bens­gro­ßen Bildschirmen können Be­su­cherin­nen und Besucher Personen aus An­ti­ke, Mit­tel­al­ter und Neu­zeit be­geg­nen und ihnen sogar interaktiv Fragen stellen:

Informationsgesellschaft Youtube -

Mehr als 100 Filmschnipsel mussten Engster und sein Team für das Projekt aufnehmen und per Programmierung wieder zusammenfügen. Technisch wie künstlerisch eine komplexe Aufgabe – zum Teil wurden Originalkostüme aus London besorgt. „Aber das sind immer die spannendsten Projekte: die sich zwischen den Welten bewegen“, so Engster.

Kreativität und Technik verbinden

So sieht er auch seine Agentur: auf dem Grat zwischen Technik und Kreativität. „Wir können alle ein bisschen von beidem und wollen immer am Ball bleiben.“ Ein Steckenpferd ist die Indoor-Lokalisation – die Möglichkeit, festzustellen, wo genau sich Besucherinnen und Besucher innerhalb des Museums befinden, um dort die passenden Inhalte auszuspielen. Zudem möchte er bald im Bereich künstlicher Intelligenz  forschen.

Es wäre nicht das erste Mal: Der Multimedia-Guide „xpedeo“ ist eine Eigenentwicklung des Unternehmens, der heute in zahlreichen Museen und Ausstellungshäusern eingesetzt wird. Wie auf einem Tablet kann dieser verschiedene Inhalte abspielen, die Museen zuvor auch ganz eigenständig bearbeiten und hochladen können. Ein innovatives Produkt, das mit Unterstützung durch die BAB im Rahmen des FEI-Förderprogramms entstand. Das FEI-Programm fördert innovative Entwicklungen wird vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) kofinanziert und unterstützt damit die regionale Entwicklung von Bremer Unternehmen.

Während das FEI-Programm mit Zuschüssen und zinsgünstigen Darlehen die Entwicklung innovativer Produkte oder Verfahren fördert, erfordert das Unternehmenswachstum darüber hinaus oft eine gute Eigenkapitalausstattung, um die Anlaufphase eines neuen Projektes zu meistern. Hierfür gibt es das BAB-Beteiligungskapital – mit dem auch die InformationsGesellschaft das eigene Kapital stärken und den Geschäftsbereich erfolgreich ausbauen konnte.

„Die Finanzierung durch die BAB hat uns in den vergangenen Jahren begleitet und so zu unserem Unternehmenswachstum beigetragen“, schildert der Geschäftsführer.


Erfahren Sie Hintergrundinformationen zu den Exponaten.
Mit dem Guide interaktiv durch das Museum © InformationsGesellschaft

Corona: Katalysator für Digitalisierung im Museum

Neben digitalen Vermittlungsansätzen im Museum sind seit der Corona-Krise virtuelle Rundgänge im Internet ein heißes Thema. „Wir haben so viele Aufträge wie noch nie“, sagt Engster. Museen holen die Digitalisierung derzeit im Eilschritt nach – die Kombination aus viel Zeit auf der einen und reichlich vorhandenen Fördergeldern auf der anderen Seite bietet ihnen eine einmalige Chance.

Das lohnt sich auch für kleinere Häuser. Es muss nicht immer gleich das innovative Augmented-Reality-Komplettpaket sein. So haben Engster und sein Team etwa für das Museum Oberschönenfeld in Baden-Württemberg einen virtuellen Rundgang gestaltet, bei dem Besucherinnen und Besucher wie bei Google Streetview durch das Museum schlendern können und an ausgewählten Stellen weiterführende Informationen zu den Exponaten erhalten.

„Manchmal haben Museen noch keine konkrete Vorstellung davon, wie sie sich digitale Inhalte vorstellen können. Dann arbeiten wir gemeinsam Ideen heraus, das muss auch nicht teuer sein. Ideal wäre es natürlich, wenn wir schon bei der Ausstellungskonzeption dabei wären“, so Engster.
 Am Ende gehe es für viele Unternehmen darum, sich neue Zielgruppen – gerade jüngere – zu erschließen. „Und dafür eignen sich digitale Inhalte perfekt. Ob nun im Museum oder im Internet oder am besten beides zusammen“, ist Engster überzeugt.


Als Förderbank des Landes Bremen können wir Sie sowohl bei Wachstum und Erweiterung, als auch bei der Neuausrichtung oder Stabilisierung Ihres Unternehmens unterstützen. Sie wollen innovative Projekte umsetzen oder die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen vorantreiben? Mit einer Vielzahl von öffentlichen Krediten, Beteiligungen, Bürgschaften und Zuschüssen können wir Sie passgenau beraten und unterstützen. Einen Überblick finden Sie hier.


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